HomeKontakt
KurzbiografieProjektarchiv
SPIDERKurse
ImpressumAGB's

Kategorien - - -

Die Projekteinträge sind noch unvollständig.

- - - > Alle Einträge

--------------------------------

- - - > Ausbildung

- - - > Theaterprojekte

- - - > Film

- - - > S-8-Film

- - - > Video

- - - > theater Zinnober

- - - > Regie/Co-Regie

- - - > Szenografie/Figuren

- - - > Ausstellung

- - - > Texte

- - - > Grafik

-------------------------------

Elbe-Mäander

Dresden Bahnhof Mitropa-Saal/Schwarzes Loch mit Neonstreifen/Der bucklige Abräumer/Der Fahrplan stinkt nach alter Pisse/Vater hat wieder Kreuzschmerzen/Nerv eingeklemmt/Bootshaus zugeschlossen/Alle sind unterwegs/Das leere Bootshaus

Seine Schwester Herta erzählt: Es war hier der Arbeitersportverein Kötzchenbroda, Wimpelfarben blau-weiß. Die Radfahrer waren mit dabei. Hatten ihre Trainingsgeräte im alten Bootshaus "Am Anker" Die ersten selber gebauten Boote. Dann kamen die Nazis, es hiess: alle Arbeitersportvereine werden aufgelöst. Da machten wir geheime Treffen, aber einer hat gequatscht.

Da standen sie in der Tür, draussen die Lkws. Zuerst wurden die Boote und Trainingsräder verladen. Und ihr kommt auch noch dran. Wohin mit den Mitgliederbüchern. Die Mädels sagten: gebt her. Sie steckten sie unter die Röcke, gingen aufs Klo, zerrissen sie und spülten. Ihr seid in Ordnung. Dann wurden die Funktionäre verladen. Die meisten kamen nach Hohenstein, dass ist für hier das nächste. Todesfelsen. Jetzt Jugendherberge. Uns ist nichts passiert, am Abend waren wir wieder da. Mutter hat die Hände überm Kopf zusammengeschlagen.

Hohnstein mit der Schulklasse. Jugendherberge. Der Leiter kommt nachts mit schwarzem Schäferhund durch die Schlafräume. Jungs und Mädels getrennt. Tonband Umma-Gumma. Die Mädels haben schon Brüste. Die Deutschlehrerin hat Hochwasserhosen an. Der Hohnsteiner Kasper. Wo die Häftlinge sich hinabstürzten ist ein Kreuzchen im Felsen. Unten sind Bäume. Die Folterkeller. Salzwasser auf die Stirn, tropfenweise. Sie konnten den Freitod wählen. Wir klettern im Sandsteingebirge und müssen durch einen Schacht, weit oben. Mutsprung auf ein kleines Plateau mit Birke. Als müsstest du ins Tal springen.

Richtung Trutnov: Der Zöllner steht und lächelt. Guck ma, sone roten Berge. Felsen. Da ist ein Blechhaus, da ist ein Fenster. Schwitzendes Gesicht, unten stampfen die Füsse das Linoleum. Etwas sagen, nicken. Freundlich sein. Die Kinder im Abteil ohne Abendbrot. Böhmen.

Hier sieht es ganz anders aus. Und das Erzgebirge liegt am Boden.

Eine Frau, klein, tschechisch, mit Brille, Mutter, zeigt uns den Weg: Essen dort, bis wir am Tisch sitzen. Sie verschwindet genauso plötzlich, wie sie kam.

RUM. Du solltest nicht vortäuschen, dass du die Sprache kennst. Wir müssen beschreiben: der Zug, Vlak, über die roten Bänke drehen sich Schatten. Ein Waldsee links.

Nacht vor der Papierfabrik Hostine in denen ihren Rosen. Früh Schimpfe. Die Labe verweigert sich mit Steinen, Geröll, Abfall. Niedrigwasser, abgesperrt. Abzug nach weiter unten. Müdigkeit, trockner Gaumen. Ein Faltbootgepäck ist für Frauen zu schwer. Kalter Regen.

Das Wehr ist von den Nazis gebaut, 1940. Später, vielleicht nach den alten Plänen, ist aus Beton ein Elektrizitätswerk aufgesetzt, 1953. Die Labe ist hier überall eingefasst, durch Steinufer. Über den Steinen wachsen dichte, bonbonbunte orchideenartige Sträucher. (In jeder Stadt ist ein Wehr).

Am Wehr steht ein Haus. Auf der Wiese ist ein kleiner Zaun mit einer Feuerstätte in der Mitte. Daherum Holzbänke. Abends kommt die Familie heraus und macht ein Feuer. Sie stellen den kleinen Fernseher auf den Tisch und dann wird es dunkel. Wenn das Programm zuende ist, stehen alle schnell auf und gehen ins Haus.

Das Wasser stürzt im Dunkeln das Wehr herab. Das Wasser rauscht die ganze Nacht. Die Feuerstelle ist mit kleinen Steinen und Beton umfasst, die Glut wärmt noch. Ich habe endlich mein Gesicht vergessen. Meine Lippen erfinden die richtige Stellung zum Bluesspielen auf der Mundharmonika.

Traum: Ich rase in einer alten Geisterbahn auf eine geschlossene Tür zu. Die Trickmechanik ist defekt. Die Tür bleibt geschlossen, aber der Aufprall bleibt aus. Männer in Frauenkleidern. Jemand zeigt mir den Weg durch eine altes Mietshaus, in dem ein nächtliches Fest stattfindet. Auf einem bunten Zettel erkenne ich mich und weine darüber.

Königsgrätz träumt einen leeren, heissen Sonntag. Leise fahren kleine Obusse durch die Strassen. Das Hotel-Café ist groß und leer. Ich trinke Kaffee türkisch und rauche eine Zigarette aus Nicaragua. Hinter mir plaudert der tschechische Stammtisch. Draussen, hinter der Fensterpalme, turnen Zwillinge in roten Hosen an einer Absperrung herum. Ein alter Mann mit Brüsten geht vorbei. Jemand lehnt ein Fahrrad ans Fenster. Am Buffet stehen violette Gladiolen. Die Lüftung summt. Löffel werden sortiert. Auch hier werfen die Bäume aus Not ihre Blätter ab, dass es schon wie Herbst ist.

Hinter Pardubice das sechste Wehr. Der Fluss ist hier nun endgültig verdorben. Da waren kleine Holzhäuser mit Blumenrabatten bis ans Wasser und kleine Stege, auf denen Frauen Wäsche spülten. Aber weiter oben Kilometer tote Fische, an jedem Ast zwanzig tote Fische, verfault, stinkend. Dann ist das Wasser wohl giftig. Abends öffne ich eine Büchse, da sind Fische drin, die sehen genauso aus. Ich esse ein paar, den Rest werfe ich aufs Feld.

So oft ist das, was hier Labe heisst, gebremst, gestaut. So oft zu einem trägen, strömungslosen Dahindämmern gebracht. Früher waren da noch Schleusen, jetzt fährt hier kein Schiff mehr, Schlingpflanzen und Schilf versperren die Einfahrt, die Türen sind zugeschweisst. Die Elbe ist ganz belanglos geworden. Hinterm Zaun vom Elektrizitätswerk das Boot "SUSE" wieder an Land ziehen, wieder über die Strasse, übers Feld fahren, die Räder versinken.

Der Wehr-Mann spricht Deutsch. Er wohnt gleich neben der Elbe und geht nach Hause zu seiner Frau. Feierabend. Am Tor zum Elektrizitätswerk steckte der Schlüssel von innen. Ich träumte, dass ich eingewiesen werde in neue Bedeutungen. Ein Raum voller Geheimnisse.

Am Morgen war alles nass. Es hatte geregnet, dass Boot lag am Ufer, vom Wasser umspült. Die Luft war schwer von Feuchtigkeit und Fische sprangen. Unter Wasser beugte sich Schilf stromabwärts.

Aus jeder Stadt fliesst eine grau-weisse Lauge mit Papierfetzen und Gummis in die Elbe. Dort wird alles schwarz. Vielleicht treibt manchmal eine Gummi bis Hamburg. Heute haben wir sehr geschwitzt und jetzt zieht eine kleine Spinne vom Kuli zum Grashalm einen Faden. Es wird dunkel.

Nach dem Regen vor der kleinen Blechbaracke "Svitkov". Gähnen an Gähnen gereiht wie Schwelle an Schwelle. Alle Züge fahren schnell vorbei. Vorher tönt die Alarmhupe am Weg und wie ein strenger Arm senkt sich die Schranke. Dann wieder Stille. Ein Hund. Die Alarmhupe meint den Magen. Der Hund meint die Beine. Die Sonne meint die Haut. Die Grillen meinen sich selber. Stundenlang meisselt einer hinterm Zaun in den Stein, bis etwas abplatzt.

Bahnhof mitschreiben. Pivo noch. Du Deutscher ich zwanzig Jahre nicht gesprochen. Fünfundvierzig mit Pistole, dass war Gesta..., dass war Eses..., aber ich - vorbei... nicht Toten, wir haben..., ihr habt gut Werkzeuge, Sägen, Meisseln.

Nachts rollen rote Waggons vorbei. Die Gaststätte hat seit neun Uhr geschlossen. So lehnen wir uns über den kleinen Zaun. Ein Junge und ein Mädchen gehen vorbei und rufen: Ei jei jei. Zerstört von der überlauten Ansage. Die Taschenschnalle klinkt. Irgendwo rollen Güterwaggons. Kräftiges Ausschnauben. Ein Streichholz fällt zu Boden. Regen träufelt wieder auf das Blechdach. Die Karos deutscher Pflastersteine. Ein Summen, abgebrochen wegen der Bahnhofsansage, quittiert. Ein fernes Lachen, ein Anrollen, das Anpfeifen einer Melodie, wie wenn ein Arm sich ungewollt um dich legt.

(13.August) Alles ist noch feucht, hängt auf der Leine zum Trocknen, zu Hause im Garten an der Mauer unterm Schirm. Hinterm Schirm die Sonne.

Ich bin aufgetaucht. Oben waren Kinder. Drei kleine Mädchen guckten über die Stahlsperre. Drei kleine Mädchen rannten davon. Drei kleine Mädchen liefen hinterm Boot her, riefen: af wiedesenn! Af widesenn. Sie hörten nicht auf, als ich winkte. Sie kicherten: af wiedesenn.

Der Schleusenmann wies uns ein: noch drei Meter vor. Genau hinterm Schlepper. Auf dem Schlepper, hinten, ein Tscheche mit gelber Schwimmweste.

Ich konnte mich nicht mehr halten. Das Boot dreht hinten, das Wasser zieht, zieht, da ist die grosse Blechwand, die großen Rohre, es brummt, es zieht, das Boot kippt weg, gegen die Heckwand.

Unten ist es dunkel. Das sind die Geschichten von den zerstückelten Faltbootfahrern. Das sind die endgültigen Geschichten. Wo ist die Angstschraube, das Angstrohr. Die Augen fest zugepresst. Kopf an die Knie ziehen und auf den Schmerz warten. Es ist Dunkel.

Dann hört der Sog auf. Dann passiert nichts. Augen auf. Obendrüber ist alles rostiges, schwarzes Blech. Das Wasser ist ganz braun, dort drüben ist aber ein heller Streifen. Da fängt es mich an zu schwimmen. Da will es Luftholen. Da ist die Luft zu knapp. Da schwimmt es schneller. Überall Blech. Da ist der Schimmer. Da ist die Luft zuende. Da sind Hände, die ziehen. Gesichter. Luft einziehen wie Milch mit Gin. Mit dem Kopf gegen die Kajüte. Anlehnen. Es hat sich.

Irgendwo Abends treibt ein Körper. Wir sitzen mit den Tschechen in der Kneipe beim Bier, einer ruft: Eude Geburdsdag! Geburdsdag!. Einer hat mir sein Hemd geborgt, ein anderer seine Arbeitssandalen. Betrunken balancieren wir zurück auf den Kahn. Im kleinen Fernsehfenster schleppen Trapper Särge mit Dynamit. Ein dussliger Professor spielt auch mit, er lernt dazu.

Vorn das metallische Klicken im blossen Gehäuse. Die Objektive sind getrübt. Den Zustand fixieren.

Es ist ein leeres Boot im Frühnebel, das leicht stromabwärts fährt. Es ist Einer, der geht im weissen Hemd schnell den Uferweg entlang. Es ist ein Morgen, der keine Nacht hatte. Es ist ein Nebel, der kaum ein Bild wird. Es sind die harten Arbeitsschuhe vom Schlepper. Es sind die Mädchen im Abteil, die keinen Zentimeter rücken werden. Es ist der Zug, der blindlings an allem vorbei rast.

Radebeul/Berlin/Liezen, August 1986

  ^TOP Letzte Änderung: 30.10.07 © 2013 reckweb.de